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Mittwoch, 08. Juni 2022

Vergolder verarbeiten nicht nur Blattgold - Interessanter Besuch in der Künstlerwerkstatt „Kunst & mehr“ erbrachte 115 Euro für die Bürgerstiftung Lotte


Foto: Wolfgang Johanniemann

Dass es sich immer lohnt, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, um mit Vorurteilen aufzuräumen, durften neben Manfred Will die zehn wissbegierigen Teilnehmer aus Lotte und Osnabrück bei dem von ihm organisierten Besuch der Künstlerwerkstatt „Kunst & mehr“ erfahren: Ein Vergolder verarbeitet nicht nur Blattgold.

Max Winkler, Osnabrücks erster Vergoldermeister, stellte auf sehr eindrucksvolle Art und Weise die mannigfaltigen Tätigkeiten und Techniken dieses altehrwürdigen Handwerks vor, die bis in die Antike zurückreichen. Grundsätzlich, so Winkler, unterscheidet man zwischen zwei verschiedenen Vergoldungsarten, der Poliment- und der Ölvergoldung. Im Gegensatz zur witterungsbeständigen Ölvergoldung ist die Polimentvergoldung nur für den Innenraum geeignet. Die Besonderheit der Polimentvergoldung liegt in ihrem Untergrundaufbau, der ausschließlich aus wasserlöslichen Materialien besteht.

Erste Informationen zur Technik des Vergoldens machen deutlich, dass es sich da um Polimentvergoldung handelt. Winkler zeigte die verschiedenen Arbeitsschritte dieser traditionsreichen Technik auf und erläuterte, wie wichtig bei jedem Schritt unter anderem handwerkliches Geschick, Materialkunde, Genauigkeit, aber auch Geduld sind. Diese Fähigkeiten seien schon sehr gefragt beim Auftrag des Kreidegrunds (saugende Grundierung), denn dieser wird in mehreren Schichten auf das zu vergoldende Objekt aufgetragen - meist in 4 bis 8 Schichten, aber teilweise auch bis zu 20 - und muss geschliffen werden. Nach diesen Schritten ist nun die künstlerische Seite des Vergolders, der aus dem Malerhandwerk hervorgegangen ist, gefragt. Denn, die am Ende hochfeine, glatte Oberfläche kann nun mit Gravierhaken und viel Fingerspitzengefühl kunstvoll gestaltet werden, indem man sie mit klassischen Mustern oder modernem Design verziert. Neben Gravuren bieten zum Beispiel Hochreliefs weitere Gestaltungsmöglichkeiten. Nach Abschluss der Verzierungsarbeiten und Säuberung des Kreidegrunds wird die Polimentierung auf die Oberfläche aufgetragen, eine Mischung aus gemahlener Tonerde (gelb oder rot) und organischem Leim (Hasenleim). Ist der Polimentleim getrocknet, wird die Stelle, die vergoldet werden soll, mit der „Netze“ angefeuchtet und das passend zugeschnittene Blattgold mit einem Anschießer (breiter Pinsel u.a. aus Fehhaaren), der vorher durch Streichen über die Stirn angefettet wurde, aufgetragen bzw. „angeschossen“ wird. Man spricht von „anschießen“, da durch die geringe Oberflächenspannkraft der Netze das Blattgold schlagartig auf die Flüssigkeit schießt.

Es folgt nach dem Trocknen der Netze für die meisten der schönste Teil der Arbeit. Das noch matt wirkende Blattgold wird mit einem Achat-Stein (Polierstein) auf Hochglanz gebracht. Das Endprodukt ist eine massiv wirkende Oberfläche, die den Betrachter zum Staunen bringt und das, nicht nur, weil es glänzt, sondern auch, weil er so viel Aufwand hinter diesem eindrucksvollen Resultat nicht vermutet hat.

Die begeisterten Zuhörer spürten, dass Max Winkler, der ihnen auch sein imposantes Meisterstück „Europa sitzend auf dem Stier Zeus“ präsentierte, seinen Traumberuf gefunden hat – man spürte seine Passion für dieses Handwerk.

Bei der sehr positiven „Nachlese“ im Restaurant „Poseidon“ ließ Manfred Will einen „Cabrio-Bulli“ über den Tisch kurven, der für die Bürgerstiftung 115 € einfahren konnte.


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