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Dienstag, 13. Juli 2021

Rege Diskussion nach Vortrag - 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: Lotte will den Austausch suchen


Matthias Pfordt (Dritter von links) referierte im Männerkreis der evangelischen Kirche in Lotte zum Thema "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Von der Bürgerstiftung Lotte bedankten sich (von links) Dieter-Joachim Srock und Wolfgang Israel, vom Männerkreis Pastor i.R. Detlef Salomon.

Quelle: Neue-OZ - Die Bundesrepublik feiert "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" - und Lotte zieht mit. Bürgerstiftung und Männerkreis stießen mit ihrem Vortrag auf reges Interesse. Jetzt sollen weitere Schritte in Richtung Austausch und Verständigung folgen.

"Ich muss zugeben, dass ich selbst als Geschichtslehrer viel zu wenig über das Judentum weiß", sagte Referent Matthias Pfordt gleich zu Beginn seines Vortrags über 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, zu dem auf Einladung der Bürgerstiftung Lotte und des Männerkreises der evangelischen Kirche mehr als 40 Zuhörer in die Arche gekommen waren. Trotzdem gelang es Pfordt, in der zweistündigen Veranstaltung zahlreiche Aspekte aus der langen Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland herauszuarbeiten.

Mehr als 40 Zuhörer sind zum Vortrag über jüdisches Leben in Deutschland in die Lotter Arche gekommen.

„Wer von Ihnen kennt persönlich Menschen jüdischen Glaubens?“ fragte Pfordt während seines Referats. Kaum jemand hob die Hand, was nicht nur daran lag, dass es in Lotte selbst wohl nie eine aktive jüdische Gemeinde gegeben hat. Eine Zuhörerin antwortete dem Referenten allerdings, dass sie nicht meine, sich über eine Religionszugehörigkeit definieren zu müssen. „Ich bin sieben Jahre jeden Sonntag zur Kirche gegangen und habe eher zufällig durch eine Freundin erfahren, dass ich evangelisch bin,“ sagte sie.

Ihre Schilderung warf die Frage auf, ob es in einem friedlichen Land nicht egal sei, ob jemand Christ, Jude oder Moslem sei. „In erster Linie sind wir gemeinsam Deutsche,“ sagte ein weiterer Zuhörer und fand damit die Zustimmung der Anwesenden.

Emanzipation im 19. Jahrhundert gelungen?

„Diese Zeit gab es tatsächlich einmal in Deutschland,“ erläuterte Pfordt und griff eine Geschichte auf, die Bundespräsident Steinmeier bei der Eröffnungsveranstaltung des Festjahres "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" erzählt hatte. Als im Herbst 1743 ein 14-jähriger, recht- und schutzloser junger Jude Berlin betrat, habe niemand ahnen können, dass er einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit werden sollte: Moses Mendelssohn, dessen Wirken untrennbar verbunden sei mit der deutschen Aufklärung im 18. Jahrhundert. Er habe den Weg bereitet für die Emanzipation und Gleichstellung der Juden, die im 19. Jahrhundert endlich gelungen schien.

Und Pfordt erinnerte an weitere Menschen, die dem Jahrhundert ihren Stempel aufdrückten, beispielsweise politisch motivierte Männer wie den Schriftsteller und Arbeiterführer Ferdinand Lassalle, aus dessen Allgemeinem deutschen Arbeiterverein die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, kurz SPD, hervorging. Musikalisch wurde das Leben in Deutschland in jener Zeit durch Männer wie die Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy und Jakob Offenbach bereichert; Heinrich Heine wurde im 19. Jahrhundert einer der bedeutendsten deutschen Dichter.

In der Medizin eröffnete Paul Ehrlich als Begründer der modernen Chemotherapie der Welt ganz neue Möglichkeiten, und der Physiker Albert Einstein gilt bis heute als einer der bedeutendsten Wissenschaftler weltweit. Sie alle waren, so Pfordt, Juden, vor allem aber Deutsche.


Was tun gegen Antisemitismus?

In der anschließenden Diskussion wurde die Frage dringlich, was man in Lotte unternehmen könne, um dem neu entfachenden Antisemitismus zu begegnen. Ein mehrfach genannter Vorschlag war, nicht nur über Juden zu sprechen, sondern mit ihnen - denn nur das gegenseitige Verstehen könne Vorurteile überwinden. Aus diesem Grund schlugen einige Besucher des Männerkreises vor, den Kantor der jüdischen Gemeinde in Osnabrück, Baruch Chauskin, einzuladen, den einige bereits als Sänger jüdischer Lieder kennengelernt hatten. Pfordt schlug außerdem den Besuch des jüdischen Friedhofs in Westerkappeln, einen Erinnerungsgang entlang der Stolpersteine in Osnabrück oder den Besuch der Synagoge vor.

Der Geschäftsführer der Bürgerstiftung Lotte, Dieter-Joachim Srock, und die Vorbereitungsgruppe des Männerkreises versprachen, diese Vorschläge weiter zu verfolgen.


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