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Freitag, 24. Mai 2019

Auf Spurensuche mit dem Profiler - Geballtes Täterwissen in Wersens "Kuchenwerkstatt"


"Was soll ich hineinschreiben?" fragt Axel Petermann, bevor er die goldene Feder des Füllers ansetzt. Foto: Ursula Holtgrewe

Quelle: Neue-OZ - Was hat einen Mörder zur Tat getrieben? Sich bei vermeintlich ausrecherchierten Kriminalfällen in die Psyche eines Mörders hineinzuversetzen ist Sisyphusarbeit. Mit Berichten darüber ließ der bekannteste und erfahrenste Profiler Deutschlands, Axel Petermann, Gänsehautgefühl in Wersens „Kuchenwerkstatt“ entstehen.

Der Tatort-Drehbuchautor und Fachberater bei Fernsehsendern erhielt die ungeteilte Aufmerksamkeit, als er von blutigen Ereignissen und vertuschten Kapitalverbrechen berichtete. Und davon, dass immer wieder Kleinigkeiten helfen, Delikte aufzuklären. „Was macht eigentlich das Schwein hier?“, fragte Axel Petermann unvermittelt. Es spielte später eine Hauptrolle.

Eher zufällig landete Axel Petermann vor rund 50 Jahren bei der Polizei. Er umging die Wehrpflicht, weil er sich für 18 Monate zur Bremer Bereitschaftspolizei meldete. Es wurde berufslebenslänglich draus. An der Landespolizeischule entdeckte er sein Interesse an rechtlichen Themen. Der Nerv, Rätsel rund um Verbrechen lösen zu wollen, sei getroffen worden, berichtete Petermann.


Der junge Polizist ließ sich in der Mordkommission zum Kommissar ausbilden. „Ich wollte wissen: was treibt die Menschen an, sich am Tatort so zu verhalten, wie sie es im Umgang mit den Opfern tun“, beschrieb Petermann den Grund, weshalb er sich in Amerika Fachkunde als Fallanalytiker aneignete. Dort vermittelte ihm der Österreicher Thomas Müller was Profiling beinhaltet: sich ins Täterumfeld, dessen Einflüsse und die Gedanken des Täters hineinzuversetzen.

Petermann zu den Unterschieden: Mordermittler suchten nach Spuren und befragten Zeugen, überprüften Alibis. Fallanalytiker hingegen suchten die Spuren hinter den Spuren, versuchten die Psyche des Täters zu ergründen.

„Amerika ist die Kinderstube des Profilings. In Deutschland gibt es die Fallanalyse seit etwa 1998/99. Europaweit sind die Niederlande ziemlich weit darin“, berichtete der Profiler. In Bremen baute er die Abteilung „Operative Fallanalyse“ auf und leitete sie bis zur Pensionierung vor fünf Jahren.

Um Abstand vom Berufsumfeld des Vaters zu bekommen, zog die Familie vor vielen Jahren ins Grüne. Das entspannende Gefühl, dorthin nachhause zu kommen, lassen Axel Petermann und Claus Cornelius Fischer den Ermittler Kiefer Larsen im True-Crime-Thriller „Die Elemente des Todes“ berichten, der auf wahren Begebenheiten basiert.

Der Thriller handelt vom Ofenmord in Bremen – im Buch soll die Prostituierte Nicole verschwinden. Den Mord möchte Daniel Becker, der für Nicole ein mobiles Krematorium bauen lässt, perfide durchdacht ausführen. „Larsen versucht, Nicole zu retten. Ob ihm das gelingt oder nicht, verrate ich Ihnen hier nicht“, sagte der Autor schmunzelnd und beantwortet seinerseits Fragen.

Gesehene und gehörte Grausamkeiten, die ihm sehr nahegingen, verarbeite er beim Schreiben, bei Lesungen und in Diskussionen, räumte der Autor und Berater von Fernsehsendern ein. Und, wie im Gespräch mit seiner Frau Anna Petermann herauskam, habe sie es sich als Vertraute angewöhnt, ihrem Mann ein positives Umfeld zu schaffen: „Ich versuche, ihn gedanklich abzulenken.“

Detaillierte rechtsmedizinische und Beschreibungen von den Gedanken der Täter fließen beim Schreiben in die Thriller ein. Todesängste habe er nie gehabt und sich auch nie ernsthaft bedroht gefühlt, lautete eine weitere Antwort.

Empathie mit positiver Bedeutung sei nicht der richtige Begriff für seine Arbeit, betonte Axel Petermann. „Fallanalytiker wollen verstehen, was Täter warum getan haben, aber ohne Verständnis für ihn aufzubringen. Auch zu viel Nähe zu den Opfern kann den Blick trüben, weil man sich zu sehr verpflichtet fühlt, jemanden als Täter zu präsentieren“, hob der Profiler heraus.

„Wir suchen die Spur hinter der Spur, die die Ermittler finden. Wir ergänzen deren Arbeit und sind keine Konkurrenten“, ließ Axel Petermann durchblicken, dass die Kollegen das nicht immer genauso sehen. Und er räumte ein: ja, er finde es spannend auf die Spur hinter der Spur zu kommen, warum Menschen auch schlimmste Verbrechen begangen haben.

Zudem gibt es unvergessene Fälle, die sich nicht abschütteln lassen. An die Nieren sei ihm als junger Ermittler einer der ersten Fälle gegangen: „Es war ein Mord an einer jungen Frau in einer Tiefgarage. Der Täter hat anschließend einen Tabubruch begangen und die Leiche verstümmelt.“

Aktuell arbeitet der Pensionär an einem Fall in München. Nach einem Indizienprozess ist der Lieblingsenkel einer Getöteten verurteilt worden. „Mich hat die Familie gebeten, den Fall wieder aufzunehmen“, sagte er.

Ob er sich auch in Frauen als Täterinnen hineinversetzen könne, beantwortete der Fallermittler schmunzelnd: „Es ist immer schwierig, Frauen zu verstehen.“ Wieder ernst: „Frauen töten auch. Es gibt Kindstötung. Manchmal ist es der Partner, der weg muss.“ Das geschehe wegen der körperlichen Unterlegenheit der Frauen häufig als Giftmord oder, wenn der Mann volltrunken ist, mit Hilfsmitteln.

In allen Fällen, in denen ein Fallanalytiker tätig wird, arbeitet er sich durch Datenberge, immer die Sinne geschärft für eventuell übersehene Kleinigkeiten. Kein Wunder also, dass dem Profiler Axel Petermann das Schwein auffiel. Das reichte Manfred Will, Organisator des kriminellen Abends zugunsten der Bürgerstiftung Lotte. Im Schweinebauch lagen später 150 Euro für Projekte in der Gemeinde.


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