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Freitag, 19. Oktober 2018

Literatur und „garstige Lieder“ - Bürgerstiftung Lotte lud zum Kulturabend ein


Die Protagonisten des Kulturabends in der „Arche“ (von links): Matthias und Iris Pfordt, Wolfgang Israel, Inge Loske, Ulrich Harhues, zweiter Stiftungsratsvorsitzender, Julia von Allwörden-Ebeling, Matthias Greenslate, Beate Diesel, Detlef Salomo und Stiftungsratsgeschäftsführer Dieter-Joachim Srock. Foto: Ursula Holtgrewe

Quelle: Neue-OZ - Ein wenig aus den Fugen geriet der zweite literarisch-musikalische Abend der Bürgerstiftung Lotte im evangelischen Gemeindehaus Arche. Grund: Eigentlich sollte jeder der vier Akteure dreimal je fünf Minuten Unterhaltsames vortragen. Sie hielten aber die vorgegebenen Zeiten zur Freude des Publikums nicht ein.

„Unterm Sternenzelt“ im Gemeindehaus begrüßte Pastor Detlef Salomo gut aufgelegt zur zweiten Zusammenarbeit mit der Stiftung auf literarisch-musischen Pfaden. Dass Bürgermeister Rainer Lammers fehlte, weil er auf einem Schnatgang weilte, kommentierte Salomo tiefgründig mit: „In der heutigen Zeit muss man wissen, wo die Grenzen sind.“

Gut sind nur bevorstehende Wünsche

Dazu hatte Lottes Büchereileiterin Beate Diesel unter anderem mit Erich Kästners „Das Märchen vom Glück“ ein passendes Beispiel mitgebracht. Ein Verbiesterter in einer Kneipe meint: „Das Glück ist keine Dauerwurst, von der man sich ein Stück abschneiden kann.“ Ein zweiter Gast erzählt nun seine Geschichte von vor 40 Jahren, als ihm das Glück widerfuhr, drei Wünsche frei zu haben: Zwei habe er ohne Überlegung verprasst, den dritten hob er sich auf. Denn: „Wünsche sind nur gut, wenn man sie noch vor sich hat.“

Sinnreiches auf Platt

Mit Wahrem und weniger Wahrem auf Platt amüsierte die Wersenerin Inge Loske die Zuhörer. In einem Vertällsel genießt die große Familie mit Appetit ein Gericht aus selbstgesammelten Pilzen. Mit großem Vorbehalt isst der Familienvorstand eine kleine Portion. Da stürmt die Tochter in die Stube und beklagt, dass der Hund tot sei. Ob er denn auch von den Pilzen bekommen habe, will der Clanchef wissen. Hat er. In einer panischen Rettungsaktion lassen sich alle im Krankenhaus die Mägen auspumpen. Wieder daheim, klärt der Knecht die Familie auf: der Hund ist unter den Trecker geraten.

Mit „garstigen Liedern“ in die Revolution

Geschichtspädagoge Dr. Matthias Pfordt nahm die Arche-Gäste mit in die „spannende Epoche“ des 19. Jahrhunderts. „Die französische Okkupation war beendet mit der Niederlage Napoleons in Russland. Die Hoffnung der Freiheitskämpfer auf ein geeintes Deutschland hatte sich zerschlagen“, beschrieb Pfordt die politische Situation etwa zu Beginn der Biedermeierzeit. „Wenn man schon nicht frei reden durfte, dann waren indes die Gedanken frei“, leitete er über zu dem Lied mit dem gleichen Titel. Politische Weisen wurden seinerzeit übrigens als „garstige Lieder“ bezeichnet, weiß nun auch das Publikum.

„Die Gedanken sind frei“, gesungen auch für Deniz Yüksel

„Das Volkslied, das um 1780 entstand, wurde von Hoffmann von Fallersleben etwa sechzig Jahre später überarbeitet und im Dritten Reich im Untergrund gepflegt“, erklärte Pfordt den Symbolcharakter von Text und Komposition. Sie haben Gültigkeit bis heute. „Im vorigen Jahr hat es in Deutschland mehrmals Solidaritätsaktionen für Deniz Yüksel gegeben, als er in türkischer Gefangenschaft war. Bei den Aktionen wurde auch dieses Lied gesungen“, berichtete über das zeitlose Freiheitslied – und gab er seiner Frau Iris Pfordt am Klavier das Zeichen, die Takte anzustimmen.

„Bürgerlied“ und „Trotz alledem“

Aus Volksliedersammlungen der Zeit, als die Menschen sich für bürgerlich-freiheitliche Ziele einsetzten, stammten auch die Verse des „Bürgerlieds“ (um 1845) und „Trotz alledem“, das aus dem englischsprachigen Raum nach Deutschland kam. Das Urgedicht beschreibt das Ziel der Schotten, unabhängig zu werden. Eine Interpretation geht dahin, dass es die lyrische Fassung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten sei.

Lorelei oder Loreley? - Einerlei

Gleichfalls aus der Zeit der Deutschen Revolution datiert Heinrich Heines „Lorelei“ (1824), das Gedicht über einen Schieferfelsen in einer Rheinkehre bei St. Goar. Auch Clemens von Brentano nahm sich des Themas an. Der Sage des „Märchens aus alten Zeiten“, wie es im Lied heißt, nahm sich facettenreich Pastor Detlef Salomo an und zeigte seine Gabe, als Kabarettist vors Publikum zu treten.

Heinrich Heine wurde zu Anonymus

„Dieses Lied war auch in den nationalsozialistischen Büchern enthalten. Aber es gab ein Problem, weil es von einem gebrandmarkten Juden stammte. Das wurde durch ,Autor: Anonymus‘ ausgeglichen und ,Komponist: Unbekannt‘“, erklärte Salomo.

Ob in der Heine-Version, die die Besucher mit den drei Strophen anstimmten, oder auf sächsisch, die Zuhörer amüsierten sich vortrefflich. Obwohl es um den Tod der vorbeifahrenden Schiffer geht, die sich von der schönen Loreley – auch diese Schreibweise ist zulässig –, die ihr goldenes Haar kämmt, ablenken lassen und in den Stromschnellen zu Tode kommen. In der sächsischen Variante stirbt sogar eine ganze Familie im „Gahne“ (Kahne). Skurrilen Touch erhält das Statement der Blondine, dargestellt von Salomo, als die Perücke haltlos auf dessen Haupt hin und her rutschte.

Musikalisches Appetithäppchen

Mit ihrem musikalischen Appetithäppchen trafen Geigerin Julia von Allwörden-Ebeling und Konzertgitarrist Matthias Greenslate als „Duo Cantolegno“ (frei übersetzt: Gesang, den das Holz anstimmt) den Geschmack der Zuhörer. Jazzige Tangorhythmen, mal wuchtig, mal andächtig, stimmte das Duo fingerfertig auf den Instrumenten an.

„Ich freue mich auf das Kammerkonzert mit dem ,Duo Cantolegno‘ im nächsten Jahr“, resümierte der Stiftungsratsvorsitzende Wolfgang Israel bei seinem Dank an die VR-Bank Kreis Steinfurt und an die engagierten Akteure, die den kulturellen Abend bereichert haben.


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